Dieses Programm stellte Hans-Willi für unseren Auftritt am 19. April 2002 im Büchnerhaus in Goddelau zusammen

Die Gedanken sind frei

Wo soll ich mich hinwenden

Ergo bibamus

Die freie Republik

Fordre niemand

Kriech du und der Teufel

Wohlgeboren

Die schlesischen Weber

Ein stolzes Schiff

Beamtenwillkür

Michels Abendlied

Deutschland, was im März errungen

's ist wieder März geworden

Trotz alledem

Deutscher Nationalreichtum

Das erwachte Bewusstsein


Die Gedanken sind frei
(Text und Musik: trad.)

Die Gedanken sind frei! Wer kann sie erraten,
Sie fliehen vorbei wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen
Mit Pulver und Blei. Die Gedanken sind frei!

Ich denke, was ich will und was mich beglücket.
Doch alles in der Still' und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren.
Es bleibet dabei: die Gedanken sind frei!

Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker,
Das alles sind rein vergebliche Werke,
Denn meine Gedanken, die reißen die Schranken
Und Mauern entzwei: die Gedanken sind frei!


"Die Gedanken sind frei" – so könnte es heißen, das Motto unserer Lieder zum deutschen Vormärz, der Zeit also zwischen 1815 und 1848, das sie in der nächsten guten Stunde hören werden. Ein tröstliches Motto allemal, soll es doch heißen, dass man die politische Freiheit der Menschen zwar unterdrücken kann, den Gedanken an die andere, die bessere Welt aber nicht.
1815 beendete der Wiener Kongress das Zeitalter der Revolutionskriege. In diesen diversen Kriegen starben viele Menschen: für die Freiheit, für Gott, für die Nation oder das Vaterland. Meistens traf es die Armen, die kleinen Leute, die oft nicht einmal wussten, wofür sie starben. Ihnen sei das folgende Lied gewidmet.

Wo soll ich mich hinwenden
(Text und Musik: trad.)

Wo soll ich mich hinwenden in dieser schlechten Zeit.
An allen Orten und Enden ist nichts als Haß und Streit.
Rekruten fanget man, soviel man haben kann.
Soldat muß alles werden, sei einer Knecht oder Mann.

Der Kaiser hat beschlossen, zu ziehn in fremdes Land.
Viel Krieger werden erschossen, getroffen von Feindeshand.
Das ist der Kriege Lauf, Regenten steigen auf.
Vieltausend von uns müssen ihr Leben geben drauf.

Ade nun Vater und Mutter, ade mein lieber Freund.
Muß mich zur Reise begeben, noch auf die Festung heut;
denn es regiert die Welt nur Falschheit und das Geld.
Der Reiche kann sich helfen, der Arme muß ins Feld.


Das nächste Lied wollen wir den deutschen Studenten widmen. Ja, sie verbrannten Bücher auf ihrem Wartburgfest 1817. Heinrich Heine sagte damals hellsichtig: "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Doch die Studenten waren ein wichtiger Bestandteil der demokratischen Bewegung. "Also trinken wir", dichtete Goethe: "Ergo bibamus".

Ergo bibamus
(Text: Goethe/Musik: Eberwein)

Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun;
Drum Brüderchen: Ergo bibamus.
Die Gläser, sie klingen, Gespräche, sie ruhn;
Beherziget Ergo bibamus.
Das heißt noch ein altes, ein tüchtiges Wort:
Es passet zum ersten und passet so fort,
Und schallet ein Echo vom festlichen Ort,
Ein herrliches Ergo bibamus.

Mich ruft mein Geschick von den Freunden hinweg;
Ihr redlichen! Ergo bibamus!
Ich scheide von hinnen mit leichtem Gepäck;
Drum doppelts Ergo bibamus!
Und was auch der Filz von dem Leibe sich schmorgt,
So bleibt für den Heitern doch immer gesorgt,
Weil immer dem Frohen der Fröhliche borgt;
Drum, Brüderchen! Ergo bibamus!

Was sollen wir sagen zum heutigen Tag'?
Ich dächte nur: Ergo bibamus!
Er ist nun einmal von besonderem Schlag';
Drum immer aufs neue: Bibamus!
Er führet die Freude durchs offene Tor,
Es glänzen die Wolken, es teilt sich der Flor,
Da scheint uns ein Bildchen, ein göttliches vor;
Wir klingen und singen: Bibamus!


Schon in den Jahren vor 1848 gab es Versuche, die herrschende Ordnung zu erschüttern. Büchners "Hessischer Landbote" aus dem Jahr 1834 ist ein Beispiel dafür. Ein Jahr vorher hatten Studenten (!) versucht, die Frankfurter Wache zu stürmen, um damit das Signal für einen Aufstand zu geben. Sie kamen, wie Büchner, zu früh und wurden eingekerkert. Ihre Geschichte schildert das folgende Lied.

Die freie Republik
(Text und Musik: trad.)

In dem Kerker saßen
Zu Frankfurt an dem Main
Schon seit vielen Jahren
6 Studenten ein
|: Die für die Freiheit fochten
Und für das Bürgerglück
Und für die Menschenrechte
Der freien Republik. :|

Und der Bürgermeister
Sprach es täglich aus:
"Sie, Herr Kerkermeister
Es reißt mir keiner aus!"
|: Und doch sind sie verschwunden
Abends aus dem Turm
Um die 12. Stunde
Bei dem großen Sturm. :|

Und am nächsten Morgen
Hört man den Alarm
Oh es war entsetzlich
Der Soldatenschwarm
|: Sie suchten auf und nieder
Sie suchten hin und her
Sie suchten sechs Studenten
Und fanden sie nicht mehr. :|

Doch sie kamen wieder
Mit Schwertern in der Hand
Auf, ihr deutschen Brüder
Jetzt geht's fürs Vaterland
|: Jetzt geht's für Menschenrechte
Und für das Bürgerglück
Wir sind doch keine Knechte
Der freien Republik! :|

Wenn euch die Leute fragen :
"Wo ist Absalom?"
So dürft ihr wohl sagen:
"Oh, er hänget schon!
|: Er hängt an keinem Baume,
Er hängt an keinem Strick,
Sondern an dem Glauben
Der Freien Republik." :|


Doch nicht nur politisch sah es im Vormärz schlecht aus in Deutschland. Auch die wirtschaftliche Situation war für viele sehr elend. Insbesondere die Handwerksgesellen hatten nach ihrer Wanderschaft kaum Aussichten auf ein ordentliches Einkommen. Im folgenden Lied beschreibt einer dieser Handwerker sein Schicksal.

Ford're niemand
(Text: trad./Musik: Schmeckenbecher)

Ford're niemand mein Schicksal zu hören
von Euch allen, die ihr in Arbeit steht.
Gleichwohl könnte ich Meister beschwören
es wär doch schon am Morgen zu spät.
Auf der Wanderschaft lustigen Tagen
setzt' ich Kleider und Reisegeld zu
und so habe ich denn weiter nichts zu tragen
als den Rock und den Stock und die Schuh'.

Keine Hoffnung ist Wahrheit geworden
selbst in Schlesien war alles besetzt.
Als ich reiste von Frankfurt nach Norden
ward ich stets von Gendarmen gehetzt.
Von Stettin aus nach Hause geschrieben
als ich reiste Berlin erst noch zu
und so ist mir denn weiter nichts geblieben
als der Rock und der Stock und die Schuh'.

In der Heimat darf ich mich nicht zeigen
denn dahin ist das Geld und der Rock.
Laßt mich meinen Namen verschweigen
denn sonst droht mir ein knotiger Stock.
Statt in Betten in Wäldern gebettet
wo ich hatte nur wenige Ruh.
Und so hab ich aus der Fremde nichts gerettet
als den Stock und zerrissene Schuh'.


Mit seinem "Deutschland, Deutschland, über alles" hat uns Hoffmann von Fallersleben einen schweren Brocken mit auf den Weg gegeben. Doch er war durch und durch Demokrat und wurde wegen seiner politischen Überzeugungen verfolgt. Sie hören jetzt ein etwas anderes Deutschland-Lied, die Melodie kennt man, aber was ist das für ein Text ...

Kriech du und der Teufel
(Text: Hoffmann von Fallersleben/Musik: Haydn)

Ja, verzeihlich ist der Großen
Übermut und Tyrannei,
Denn zu groß und niederträchtig
Ist des Deutschen Kriecherei.
Sieht ein Deutscher seines Fürsten
Höchsterbärmlich schlechten Hund,
|: Tut er gleich in schönen Worten
Seine Viehbewundrung kund. :|

Sieht ein Deutscher seines Fürsten
Altersschwaches steifes Pferd,
Ist er freudig doch ergriffen
Von des Gaules früherm Wert.
Sieht ein Deutscher seines Fürsten
Allerältstes Hoffräulein,
|: Denkt er eine Bürgerstochter
Könne doch so schön nicht sein. :|

Sieht ein Deutscher seines Fürsten
Jämmerlichsten Kammerherrn,
Steht er still und grüßt in Ehrfurcht,
Und er sieht ihm nach von fern.
Sieht er nun den Fürsten selber,
O, wie ist er dann entzückt!
|: Wenn Durchlauchet ihn wieder grüßet,
Nun, dann ist er fast verrückt. :|

Er erzählt es allen Menschen,
Welche Gnad ihm widerfuhr,
Daß Durchlaucht ihn hat gewürdigt
Mehr als eines Blickes nur.
Er erzählet Kindeskindern:
Ja, ich habe ihn gesehen!
|: Und bei Gott! nun kann ich ruhig,
Ruhig in die Grube gehn. :|



Der deutsche Bürger – den macht uns so leicht keiner nach! In seiner Jugend kann er durchaus revolutionär sein. Aber hat er es dann zu etwas gebracht, sagen wir Oberstudienrat oder Arzt oder – Außenminister –, ist es mit der Radikalität schnell vorbei. Ruhe wird dann zur ersten Bürgerpflicht. Hören sie selbst!

Wohlgeboren
(Text: Herwegh/Musik: Ohl)

So hab ich es nach langen Jahren zu diesem Posten doch gebracht.
Und leider nur zu oft erfahren, wer hier im Land das Wetter macht.
Du sollst, verfluchte Freiheit, mir die Ruhe fürder nicht gefährden.
Lisette, noch ein Gläschen Bier, ich will ein guter Bürger werden,
Lisette, noch ein Gläschen Bier, ich will ein guter Bürger werden.

Diogenes vor seiner Tonne – vortrefflich, wie beneid ich ihn!
Es war noch keine Julisonne, die jenen Glücklichen beschien.
Was Monarchie? Was Republik? Wie sich die Leute toll gebärden.
Zum Teufel mit der Politik! Ich will ein guter Bürger werden.

Gewiß, man tobt sich einmal aus – es wär ja um die Jugend schade.
Doch führt man erst sein eigen Haus, so werden fünfe plötzlich grade.
In welcher Mühle man uns mahlt, das macht uns nimmer viel Beschwerden;
Der ist mein Herr, der mich bezahlt, ich will ein guter Bürger werden.

Jedwedem Umtrieb bleib ich fern, der Henker mag das Volk beglücken!
Ein Orden ist ein eigner Stern, wer einen hat, der soll sich bücken.
Bück dich, mein Herz! Bald fahren wir zur Residenz mit eignen Pferden.
Lisette, noch ein Gläschen Bier, ich will ein guter Bürger werden.


1844 rebellierten die schlesischen Weber gegen ihre miserablen Arbeitsbedingungen. Gerhard Hauptmann hat viel später ein Drama über diesen Vorgang geschrieben. Viel früher hatte bereits Heinrich Heine ein düsteres Gedicht über das Los der Weber verfasst, einer seiner wenigen dezidiert politischen Texte.

Die schlesischen Weber
(Text: Heine/Musik: Hernnstadt/Resetarits)

Im düstern Auge keine Träne,
sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne.
Deutschland, wir weben dein Leichentuch!
Wir weben hinein in den dreifachen Fluch!
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte zu dem wir gebeten
in Winterskälte und Hungersnöten.
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt!
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
den unser Elend nicht konnte erweichen.
Der den letzten Groschen von uns erpreßt,
und uns wie Hunde erschießen läßt.
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
wo nur gedeihen Schmach und Schande,
wo jede Blume früh geknickt,
wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt.
Wir weben, wir weben!

Das Schifflein fliegt, der Webstuhl kracht,
wir weben emsig Tag und Nacht.
Altdeutschland wir weben dein Leichentuch.
Wir weben hinein den dreifachen Fluch.
Wir weben, wir weben!


Der Vormärz ist auch die Zeit der großen Auswanderung. Vor allem nach der gescheiterten Revolution von 1848 mussten Viele aus politischen Gründen Deutschland verlassen. Doch schon zuvor war es die Armut, die viele Menschen aus dem Land trieb. Deshalb nun zwei Lieder zum Thema Emigration.

Ein stolzes Schiff
(Text: trad./Musik: Schmeckenbecher)

Ein stolzes Schiff streicht einsam durch die Wellen
und führt uns unsre deutschen Brüder fort.
Die Fahne weht, die weißen Segel schwellen,
Amerika ist ihr Bestimmungsort.
Seht auf dem Verdeck sie stehen.
Sich noch einmal umzusehen,
ins Vaterland, ins heimatliche Grün.
Seht, wie sie übers große Weltmeer ziehn!

Sie ziehn dahin auf blauen Meereswogen.
Warum verlassen sie ihr Heimatland?
Man hat sie um ihr Leben schwer betrogen,
die Armut trieb sie aus dem Vaterland.
Schauet auf, ihr Unterdrücker!
Schauet auf, ihr Volksbetrüger!
Seht eure besten Arbeitskräfte fliehn,
seht, wie sie übers große Weltmeer ziehn!

Sie ziehn dahin, wer wagt sie noch zu fragen?
Warum verlassen sie ihr Heimatland?
O armes Deutschland, wie kannst du es ertragen,
daß deine Brüder werden so verbannt.
Was sie hofften hier zu gründen,
suchen sie dort drüben zu finden.
Drum ziehen sie von deutschem Boden ab
und finden in Amerika ihr Grab.


Vor allem nach Amerika zog es die Auswanderer, die hofften dort das zu finden, was man ihnen in der Heimat verwehrte. Dort, im gelobten Land, suchten sie die Freiheit und die Menschenrechte, etwas, was sie im Deutschland jener Zeit nirgendwo finden konnten, denn dort herrschten Willkür, Unterdrückung und Tyrannei.

Beamtenwillkür
(Text: Hecker/Musik: Zachcial/Bernstein)

Leb wohl du teures Land, das mich geboren,
Beamtenwillkür treibt mich fort von hier.
Ich hab Amerika mir auserkoren.
Dort scheint allein der Freiheitssonne mir.
Dort drücken mich nicht der Tyrannen Ketten,
Dort kennt man erst des Lebens hohen Wert.
Und wer sich will aus Sklaverei erretten,
der folge mir, dort wird er hoch geehrt.

Dort kennt man nicht die stolzen Fürstenknechte,
verprassend nur des Landmanns sauren Schweiß.
Dort freut der Mensch sich seiner Menschenrechte,
er erntet auch die Frucht von seinem Fleiß.
Es quälen ihn nicht jene Müßiggänger,
durch Fürstengunst betitelt und besternt.
Das Sklavenwort "Euer Gnaden" und "Gestrengen"
Ist aus dem Reich der Sprache weit entfernt.

Nach diesem Lande lasst uns Brüder ziehen,
es folg' mir, der die Freiheit liebt und ehrt;
ein neu's Leben wird dort uns allen blühen,
und Gott ist's, der die Wünsche uns gewährt..
Und schon schlägt uns die längst ersehnte Stunde,
der Abschiedstag, ihr Brüder, ist jetzt da,
und bald erschallt es laut aus unser'm Munde:
Wie gut, wie gut ist's in Amerika.


Wie gesagt – die Revolution von 1848 scheiterte, die alten Mächte blieben für lange Zeit fest im Sattel. Die Freiheit blieb ein kurzer Frühlingstraum, das Feuer der Begeisterung loderte nur kurz.

Michels Abendlied
(Text: Hoffmann von Fallersleben/Musik: Ohl)

Es war einmal ein Frühling, so schön, so wunderbar,
wie er so schön noch niemals der Welt erschienen war.
Der Baum der Freiheit blühte in Pracht und Herrlichkeit:
Es war für uns gekommen die neue schön're Zeit.

Da schlug voll Freud und Hoffnung gar froh das deutsche Herz;
Begeistert riefen alle: Willkommen, schöner März! –
Ihr hoffnungsreichen Blüten, wie waret ihr so taub!
Du Feuer der Begeist'rung, wie bist du Asch und Staub!

Es war einmal ein Frühling, so schön, so wunderbar,
wie er so schön noch niemals der Welt erschienen war.
Der Frühling kehret wieder, der Wald wird wieder grün,
doch an dem Baum der Freiheit will keine Blüte blühn.


Im März 1848 hatte das noch anders ausgesehen, Metternich z. B., das Symbol der Reaktion, wurde in Wien gestürzt. Doch insgesamt waren die Demokraten zu schwach. Zwar kämpften viele aufopferungsvoll weiter, aber spätestens 1849 war die Niederlage abzusehen. Da half auch ein Appell an die Soldaten nichts mehr.

Deutschland! Was im März errungen
(Text und Musik: trad.)

Deutschland! Was im März errungen, Recht und Freiheit schwinden hin
Auf, mein Volk, das Schwert geschwungen, die Verräter müssen fliehn.
Deutschland, großes Vaterland, dich umschlingt ein Bruderband.

Deutschland, deine Völker alle ringen nach der Freiheit Glück.
Doch nur mit der Fürsten Falle blüht die Freiheit, Republik.
Stürzt der Fürst, so ist er Knecht, und der Mensch hat gleiches Recht.

Reichet uns die Hand, Soldaten und sie stürzen ohne Blut,
die euch stets mit uns verraten, diese Fürsten mit der Knut.
Bürger und Soldatenstand, reicht für die Freiheit Hand in Hand!

Freiheit ist der Knechtschaft Schande, Freiheit ist der Notdurft Qual,
frei ein Volk, das Herr im Lande durch die Männer seiner Wahl.
Adel von Geburt und Geld schwind auf ewig aus der Welt.

Hecker, Struve, hoch! Sie streiten für das Volk mit Wort und Tat.
Ihr sollt unser Wohl bereiten, euch vertrauen wir den Staat.
Hecker, Struve, Republik: Unsre Freiheit, unser Glück!

Drum bedenket ihr Soldaten, wofür zieht ihr in den Streit?
Für die Herrn von Gottes Gnaden euch zu rechnen stets bereit.
Ihr seid Bürger so wie wir – sind wir frei, so seid's auch ihr.


Melancholisch und traurig werden die Lieder am Ende. In Naturmetaphern versucht man die Situation zu beschreiben, es hilft nichts: der Kampf war verloren, die zukünftige Situation unsicher.

's ist wieder März geworden
(Text und Musik: trad.)

's ist wieder März geworden -
vom Frühling keine Spur!
|: Ein kalter Hauch aus Norden
erstarret rings die Flur. :|

's ist wieder März geworden -
März, wie es eh'dem war:
|: Mit Blumen, mit verdorrten,
erscheint das junge Jahr. :|

Mit Blumen, mit verdorrten?
O nein, doch das ist Scherz -
|: gar edle Blumensorten
bringt blühend uns der März. :|

Seht doch die "Pfaffenhütchen":
den "Rittersporn", wie frisch!
|: Von den gesternten Blütchen –
welch farbiges Gemisch! :|

Der März ist wohl erschienen.
Doch ward es Frühling? - nein!
|: Ein Lenz kann uns nur grünen
im Freiheitssonnenschein. :|

Seht hier den "Wütrich" thronen,
beim "Tausendgüldenkraut",
|: dort jene "Kaiserkronen" -
die "Königskerze" schaut! :|

Wie zahlreich die "Mimosen",
das "Zittergras" wie dicht. -
|: Doch freilich "rote Rosen" -
die kamen diesmal nicht. :|


Der Schluss muss aber optimistisch sein! "Trotz alledem" heißt die Parole und sie stammt von dem schottischen Nationaldichter Robert Burns. Die zweite Strophe des folgenden Liedes dichtete Ferdinand Freiligrath 1848. In der dritten Strophe zeigt Hannes Wader, wie das Feuer der Begeisterung der 60er Jahre im folgenden Jahrzehnt langsam erkaltete. Die vierte Strophe haben wir hinzugefügt: "Trotz alledem".

Trotz Alledem!
(Text: Burns/Freiligrath/Wader Ohl/
Musik: trad. = Lady Macintosh's Reel)

Is there, for honest poverty
that hings his head, and a' that;
the coward-slave, we pass him by,
we dare be poor for a' that!
For a' that and a' that,
our toils obscure and a' that,
the rank is but the guinea's stamp,
the man's the gowd for a' that.

Das war 'ne heiße Märzenzeit
trotz Regen, Schnee und alledem.
Nun aber, da es Blüten schneit,
nun ist es kalt trotz alledem.
Trotz alledem und alledem,
trotz Wien, Berlin und alledem,
ein schnöder, scharfer Winterwind
durchfröstelt uns trotz alledem.

Wir hofften in den Sechzigern
trotz Pop und Spuk und alledem,
es würde nun den Bonner Herrn
scharf eingeheizt, trotz alledem.
Doch nun ist es kalt, trotz alledem,
trotz SPD und alledem,
ein schnöder, scharfer Winterwind
durchfröstelt uns trotz alledem.

Noch gibt es Armut in der Welt,
trotz Wohlstand, Fortschritt, alledem.
Im Mittelpunkt, da stehen Geld
und Reichtum, Macht – trotz alledem.
Trotz alledem und alledem,
trotz Dummheit, Gier und alledem,
wir hoffen doch die Menschlichkeit
behält den Sieg, trotz alledem.


Noch zwei Lieder von Hoffmann von Fallersleben:
Als die Deutschen nach Amerika auswanderten, nahmen sie nicht nur ihre Hoffnungen und Träume mit, sondern auch ganz handfeste Dinge, über die sich der Dichter hier lustig macht.

Deutscher Nationalreichtum
(Text: Hoffmann von Fallersleben/Musik: Roland)

Halleluja! Halleluja!
Wir wandern nach Amerika!
Was nehmen wir mit ins neue Vaterland?
Wohl allerlei, wohl allerhand:
Viel Bundestagsprotokolle,
Manch Budget und manch Steuerrolle,
Eine ganze Ladung von Schablonen -
Zu Regierungsproklamationen -
Weil es in der neuen Welt
Sonst dem Deutschen nicht gefällt.

Halleluja! Halleluja!
Wir wandern nach Amerika!
Was nehmen wir mit ins neue Vaterland?
Wohl allerlei, wohl allerhand:
Korporal- und andre schöne Stöcke,
Hunderttausend Schock Bedientenröcke,
Nationalkokarden, bunte Kappen,
Zehnmalhunderttausend Knöpfe mit Wappen -
Weil es in der neuen Welt
Sonst dem Deutschen nicht gefällt.

Halleluja! Halleluja!
Wir wandern nach Amerika!
Was nehmen wir mit ins neue Vaterland?
Wohl allerlei, wohl allerhand:
Kammerherrenschlüssel viele Säckel
Stamm- und Vollblutbäume viele Päckel,
Hund- und Degenkoppeln tausend Lasten,
Ordensbänder hunderttausend Kasten -
Weil es in der neuen Welt
Sonst dem Deutschen nicht gefällt.

Halleluja! Halleluja!
Wir wandern nach Amerika!
Was nehmen wir mit ins neue Vaterland?
Wohl allerlei, wohl allerhand:
Schlendrian, Bocksbeutel und Perücken,
Privilegien, Sorgenstühl' und Krücken,
Hofratstitel und Konduitenlisten
Neunundneunzighunderttausend Kisten -
Weil es in der neuen Welt
Sonst dem Deutschen nicht gefällt.

Halleluja! Halleluja!
Wir wandern nach Amerika!
Was nehmen wir mit ins neue Vaterland?
Wohl allerlei, wohl allerhand:
Steuer-, Zoll-, Tauf-, Trau- und Totenscheine,
Päß' und Wanderbücher groß' und kleine,
Viele hundert Zensorinstruktionen,
Polizeimandate drei Millionen –
Weil es in der neuen Welt
Sonst dem Deutschen nicht gefällt.


So, und jetzt noch ein Abschiedslied zur Melodie des "Jäger aus Kurpfalz":

Das erwachte Bewußtsein
(Text: Hoffmann von Fallersleben/
Musik: trad. = Ein Jäger aus Kurpfalz)

Bei einer Pfeif Tabak,
bei einer Pfeif Tabak
bei einer guten Pfeif Tabak,
und einer Flasche Bier
politisieren wir.
Juja! Juja!
Wie glücklich ist fürwahr der Staat
der solche Bürger hat,
der solche Bürger hat.

Da wird dann viel erzählt,
ganz viel wird da erzählt
gar viel und mancherlei erzählt
gestritten und gelacht,
und manch ein Witz gemacht.
Juja! Juja!
Wie glücklich ist fürwahr der Staat
der solche Bürger hat,
der solche Bürger hat.

Dann stoßen wir auch an,
wir stoßen auch mal an
auch auf die Deutsche Freiheit an,
und unsere Polizei
sitzt fröhlich mit dabei.
Juja! Juja!
Wie glücklich ist fürwahr der Staat
der solche Bürger hat,
der solche Bürger hat.

Und wenn die Stunde schlägt,
ja, wenn die Stünde schlägt
und wenn die Feierstunde schlägt
Löscht man die Lichter aus
und wir, wir gehen nach Haus!
Juja! Juja!
Wie glücklich ist fürwahr der Staat
der solche Bürger hat,
der solche Bürger hat.

(Alle Zwischentexte: Hans-Willi Ohl)